15.5.2009

bis

Rapperswil

florale Anarchie Vortrag am « Paysage mon amour»

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Maurice Maggi, Landschaftsgärtner und Küchenchef I Zürich I CHIch habe zwei Berufe, früher war ich Gärtner und heute arbeite ich als Koch. Beide sind sehr schöne Beschäftigungen, wenn auch körperlich streng und beide mit langen Präsenzzeiten. Diese Handwerke haben eine lange Tradition der unersetzlichen Handarbeit mit einem grossen Anteil einer kreativen Handschrift. Ich vermisse sie auch beide gleichermassen, wenn ich sie nicht ausführen kann.Mein Brotjob ist heute Kochen in einer Cateringfirma, die für Kulturanlässe Essen zubereitet. Wie bei Karls kühne Gassenschau Silo 8 in Olten oder am Theaterspektakel Zürich.Mich faszinieren die Pionierpflanzen und ihr Drang neue Flächen zu besiedeln. So werden Gebiete für eine dichtere Vegetation geschaffen. Die Pioniere lassen sich verdrängen und ziehen weiter. Die aus kleinen Ritzen keimenden Pflanzen brechen versiegelte Flächen auf, schaffen es manchmal Orte zu verändern, subversiv! In meiner Jugend sah ich in diesen Pionierpflanzen eine Art politische Gesinnungsgenossen, der avantgardischen Subkultur. Darum gebe ich meinem Referat den Titel florale Anarchie.Ich komme aus der Generation der „Babyboomer“, die mit den Tafeln „Rasen betreten verboten“ aufwuchs. Die heutige intensive Nutzung der öffentlichen Grünflächen war kaum vorstellbar.Vor 25 Jahren pflegte Grün Stadt Zürich alle Rabatten und Baumscheiben noch fein säuberlich Unkrautfrei. Beim Roden eines Villengartens, der mit Malven überwuchert war, kam mir die Idee für die BlumenGraffiti und bekam sofort ein riesiges Startkapital an Samen. Die subversive und anarchistische Idee war es, um Alleebäume herum Stockrosen zu säen. Mein Plan klappte, die Berufskollegen verschonten die meterhohen Malven im nächsten Sommer vor der Herbizid-Dusche. So sprengten blühende Stockrosen die zwinglianische Ordnung in Zürich. Von da an signierte ich meinen Arbeitsweg, die nähere Umgebungen der Baustellen. Die Wende kam Ende der 80iger Jahre, meine subversive Tat wurde von nun an zur gepflegten Tatsache des naturnahen Pflegekonzepts von Grün Zürich. Jetzt blühten neben den Malven um die Alleebäume herum bunte heimische Magerwiesen auf. Das Subversive meiner Aktionen wurde hinfällig, viel mehr wuchs jetzt daraus eine künstlerische Poesie hervor. Aus den vielen punktuellen Ansaaten wuchs langsam ein ganzes Netz über die Stadt Zürich von üppig blühenden Malven in allen Pastelltönen, von weiss bis dunkel-violett. Nach einem längeren New York Aufenthalt, kehrte ich 2002 nach Zürich zurück. Selber überrascht über die friedliche Invasion meiner Malven, wunderte mich die stille Akzeptanz. Ich beschloss im Juli 2004 mit einer klärenden Dokumentation über meine Blumen Graffiti im Message Salon von Esther Eppstein auszustellen. Ich bekannte mein Wirken erstmal öffentlich. Die Geschichte fand grosses Echo in verschiedenen Medien und mit meiner unerkannten Freiheit des Wirkens war es vorbei. Das Netz von Malven ziert viele Strassen in Zürich. Gestaltete Räume sind Kunsträume, das trifft auf alle Gärten zu. Meine Gestaltung bleibt diskret, ich lasse den Ort selber über sich erzählen. Ohne Hierarchien, alles scheint gleich wichtig und ist in Bewegung und stetiger Veränderung. So wirken die Schauplätze immer etwas überraschend. Nichts ereignet sich, ausser dem Ereignen selbst. Dem Betrachter bleibt das Sehen und Wahrnehmen. So glaube ich, folgt dann die Hinterfragung über dievon mir manipulierten öffentlicheMeine erste grossflächige Saat war am oberen Letten 500 Meter entfernt vom Hauptbahnhof Zürich. 1987 wurde die Bahnlinie HB-Letten-Stadelhofen neu unterirdisch geführt und auf der alten Bahntrasse sah ich einen idealen Ort um ein ‚Trocken-Biotop‘ anzulegen. Ich säte die Schotterpiste mit teils ‚geschützten‘ Pflanzenarten an. Langsam entwickelte sich darauf eine schöne Vegetation. Nach der Platzspitz-Schliessung 1992 zog die offene Drogenszene weiter zum Letten. Ein hartes Leben für meineIdee und für die Pflanzen, aber sie überlebten den Schock. 1995 wurde das Areal geräumt und für zwei Jahre drei Meter hoch eingezäunt. Dies verhalf meiner Idee zum prächtigen Gedeihen. Eidechsen, Blindschleichen und Falter tummelten sich in der kargen aber schönen Vegetation. Mein ‚Trocken-Biotop‘ ist mir gelungen.Als wir auf der alten Bahntrasse im Zentrum der Stadt direkt am Fluss ein Strandcafé eröffnen wollten, lehnte Grün Stadt Zürich dies vorerst ab. Es sei geplant dieses Naturreservat unter Schutz zu stellen. Es brauchte ein klärendes Geständnis von mir. Mit dem Konzept "respect" zeigten wir unsere Bereitschaft, uns mit der Natur zu arrangieren. Die Bevölkerung und Benutzer wurden über dieses seltene Biotop informiert. Mit Informationstafeln und Broschüren sensibilisierten wir die Benutzer. Informierte Menschen sind vernünftige Menschen, dies war der kurze Inhalt des Konzeptes "respect". Im bezahlten städtischen Auftrag sprayten wir Motive von Eidechsen und das Wort "respect" bei allen Zugängen auf das Areal sowie auf den Asphalt und die Mauern.Ich zog für mich eine Lehre daraus, heute säe ich grossflächige Orte in farblich getrennten Sektoren an, um damit die Künstlichkeit hervorzuheben. Meine künstlich gestaltete Natürlichkeit auf dem Letten Areal gelang mir fast zu perfekt und wurde als Künstlichkeit nicht mehr erkannt.Vergeblich versuchte ich bis anhin, meine Blumenbilder mit offizieller Erlaubnis anzusäen. Ich reichte etliche Projekte ein und nahm an Wettbewerben teil. Wie zum Beispiel:"Wellenbild mit Alpenblumen" eine Böschung beim neuen Parkhaus in St. Moritz im Winter 2005/06Am Südhang unterhalb der Residenza Rosatsch wollte ich eine Magerwiese aus teils geschützten Alpenblumen ansäen. In einem ornament-artigen Muster mit blauem Grund als Wellen mit weisser Korne und gelb-orangen Sonnenspiralen."Die vier Sektoren" auf dem S-Bahn Areal in Berlin 2006Auf dem Ringbahn Areal der S41/42 in Berlin reichte ich ein Projekt ein, welches die 45 Minuten dauernde Fahrt in vier Farbliche Sektoren einteilt. Gelb, Blau, Weiss und Rot, diese Flächen wollte ich in Gruppen von 5-7 Elementen in verschiedenen geometrischen Formen anlegen. teils erhöht in trocken gemauerten Beeten. Dies sollten auch zugleich ideale Nistplätze für Reptilien und Insekten bilden."Fluchtwege und Sackgassen" Festival der Regionen Oberösterreich 2006In Windischgarsten wollte ich alle Zufahrten zum Ort von der Autobahn, Bahnborde und Flussufer mit farbigen Blumenbeeten begleiten. Diese verdichten und vermischen sich zur Ortsgrenze hin. Im Ort selber wollte ich ein Malvennetz anlegen welches am Hauptplatz in einem Malvenfeld endet."Melodie am Hügel" in Olten Südwest 2007 In der alten Kiesgrube der Zementfarbik in Olten Südwest, dem Spielort von Karls kühne Gassenschau mit Silo 8,wurde im Herbst ein Wall mit Aushub geschüttet. An der Südwestseite wollte ich ein Blumenbild gestalten. Auf blauem Grund einen weissen Mondlauf und mit gelben Blumen den Sonnenlauf. Finanzierung war durch KkG gesichert, aber den zuständigen Verantwortlichen Behörten fehlte der Mut für eine Zustimmung zur Realisierung. Alle diese Projekte scheiterten vielleicht an der fehlenden Akzeptanz oder der ö entlichen Anerkennung dieser Art von nachhaltiger Inszenierung. Dies hat sich mit der Anerkennung und Einladung zum heutigen Referat für mich schon etwas verbessert. Und darüber freue ich mich sehr. So entstanden in den letzten Jahren aus meinem Wirken heraus nur unerlaubte Bilder. Verschiedene Interventionen im Geleise-Areal um den HB, Bahnhof Hardbrücke, Wiedikon und Altstetten, in den neuen Stadtquartieren Zürich West und Nord.So wie die Böschung vor dem neuen TA-Media Gebäude im Frühling 2005 Mit quadratischen Feldern alternierend in weiss, blau und gelb säte ich die steile Böschung an. Ein starker Regennach der Saat verzog und komprimierte mein Bild so, dass die Musterung heute nicht mehr erkennbar ist. Dieses Werk lehrte mich, dass blau Töne auf Distanz schlecht zu erkennen sind, erst ab etwa 50 Meter Distanz treten sie zum Vorschein.Im Frühling 2008 zur EM hin "der blau-weisse Ruf der Strasse" um das neue Letzigrund Fussballstadion. Die Polemik um die rote Bestuhlung aus Basel im neuen Fussball Stadion, brachte mich auf die Idee in der VerkehrsSperrzone ums Stadion alle Brachflächen und Baumscheiben mit blauen und weissen heimischen Blumen zu begrünen.Die moderne Landschaftsarchitektur von heute reizt mich gerade dazu, ihre Strenge und Linearität zu sprengen. Ja sie schreien gerade nach einer Intervention. Heute gibt es meist nur starke Gestalter, die Gärten als etwas Erhabenes, Emphatisches und die geordneter Strenge darstellen. Und es scheint sehr gewünscht, dass die Pflanzen so bleiben oder getrimmt werden, wie sie geplant waren.Mit einem Konzept, mit Verwendung von Plastikpflanzen‚ kämen wir diesem Ziel der Erhabenheit und Empathie näher. Das jährliche Reinigen vom Feinstaubresten wäre die einzige nötige Pflegemassnahme.Als Stadt Zürcher finde ich es schade, dass die öffentliche Hand ihre Stadtgestaltung nicht gerecht auf die Generationen und ihre Bedürfnisse verteilt. Die letzten zehn Jahre wurden in Zürich mehr als fünf Parkanlagen gestaltet. Sich ähnlich den jetzigen Zeitgeist entsprechend.Leider müssen die heutigen Studenten warten bis ihre Ururenkel einen neuen Park planen dürfen. Ich denke jede Generation Menschen müsste ihren Beitrag zur Stadtentwicklung leisten dürfen. Projektflächen dürfen als Brachnischen und für Zwischennutzung kreativem Schaffen Platz geben.Meine Gestaltung bleibt unaufdringlich, ich lasse den Ort über sich selbst erzählen. Und so wirken die Ansaaten oft wie sakrale Räume. Ohne Hierarchien, alles ist gleich wichtig, in Bewegung und steter Veränderung. Die Schauplätze wirken immer etwas überraschend. Nichts ereignet sich darauf, ausser dem Ereignen selbst. Das Ereignis worin es sich ereignet; im Sehen, in der Performativität des Erlebens. Dem Betrachter bleibt das Sehen als ein Sehen des Sehens. Das Wichtige ist nicht das, was ich sehe, sondern der Akt, in dem es sich vollzieht.Ein streunendes, absichtsloses Sehen. Es ordnet nicht, es folgt dem was sich zeigt.Meine Aktionen bleiben immer noch illegal, subversiv und brotlos. Mit dem Modewort „Guerilla Gardening“ der letzten Zeit scheint mein Wirken endlich die populäre Bühne gefunden zu haben. Meine Bilder oder Graffiti nenne ich „die Eingriffe“ und deklariere sie damit als originäre künstlerische Statements. Gärten sind geschaffene Räume, also Kunsträume, und in den von mir manipulierten öffentlichen Brachnischen blühen sie als natürliche Kunsträume auf.Es war mir eine grosse Ehre diesem Gremium meine Sache vorzutragen dürfen. Danke der Rapperswiler Tagung für die Einladung. Ich danke Ihnen Allen für Ihr Interesse.Beim anschliessenden Apero habe ich heimische Blüten, Wildpflanzen und Wildfrüchte als Ingredienzien verwendet.

florale Anarchie Vortrag am « Paysage mon amour»

Datum

15.5.2009

bis

Preis
Zeit
Rapperswil
16.15 Uhr
STadt
Wo
ILF — Institut für Landschaft und Freiraum
HSR Hochschule für Technik Rapperswil
Veranstalter
Adresse
Oberseestrasse 10
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