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Zürichsee Zeitung

20.7.2011

Der Malvenzüchter

GROSSSTADT-GUERILLERO. Maurice Maggi verschönert ungefragt Europas Städte. Er findet, dass die Pflanzennachbar­ schaften weit toleranter als die Bezirksgärtner von «Zürich Grün» sind.

von SUSANNA JUNGMANN

Wer in den New Yorker Stadtteilen Brooklyn und Queens oder in irgendei­ner europäischen Grossstadt Malven an Strassenrändern blühen sieht, kennt ab jetzt ihren Gärtner: Maurice Maggi. In New York lebte er vier Jahre, ein Jahr als Gärtner, drei Jahre als Koch. Malven­beete sind seit 1984 auf seiner persönli­chen Weltkarte, so wie andere Fähnchen ihrer Reiseziele darauf stecken.

Mit dem eigenen Domizil im Kreis 6 begann seine Aussaat in Baumscheiben, die das Grünflächenamt Zürich «Zürich Grün» damals sauber jätete und mit Her­biziden frei von Unkraut hielt. «Da kam mir die Idee, Malven auszusähen. Ich wollte sehen, ob angestellte Gärtner blü­hende Blumen ausjäten oder sogar ver­nichten», erzählt er.

Mit einigen Bezirksgärtnern setzte er sich ins Benehmen, andere stellten den öden Urzustand wieder her. Denn die Meinung, ob die Begrünung einer Baum­scheibe die Bodenfeuchtigkeit hält oder diese im Gegenteil austrocknet, teilt die Profis in zwei Lager.

Wo man ihn liess, machte er seine «grünen Baustellen» farbig. Dann mar­kierte er mit Malvenaussaat seine Arbeitswege, die Wohnorte seiner Ge­schwister, Freunde kamen hinzu - den subversiven Hintergrund stets im Ge­dächtnis. «Eine Begrünung von kleinsten Plät­zen mit einfachen Mitteln schafft für den Betrachter ein neues Bild und beruhigt Passanten und Autofahrer. Die Strassen wirken intim und privat. Man könnte in den Quartieren Wohnlichkeit herbeifüh­ren», verrät er seine Philosophie, wäh­rend er Samen von ein paar verblühten Blüten abpflückt. Schliesslich sind das ja seine Blumen. Er lacht: «Solche Besitz­ansprüche wären schwierig zu bewei­sen.» Aber Malvensamen sind teuer, vier Franken pro Gramm.

Beim «Bachöffnungskonzept» als Auf­trag für «Zürich Grün» machte Maurice Maggi konkrete Erfahrungen mit exten­siver Oberflächenbewirtschaftung. Auch aus den Ansiedlungsversuchen mit Pflan­zen der Studenten um Elias Landolt, Biologe an der Universität Zürich, lern­te er.

Der «Flusskiosk»

Mit der damals geplanten Überbauung Oberer Letten, lange bevor dort die Dro­genszene begann, startete Maurice Mag­gi, der Gärtner, eine grösser angelegte Offensive mit Kollegen seines späteren Berufs: Zusammen mit anderen Köchen planten sie eine Art «Flusskiosk» als grü­ne Oase und stillen Ort zum Erholen. «Ich hoffte damals, dass sich mit einer grossflächigen Aussaat das Betonprojekt hinauszögern lässt», sagt er. Indem er Gespräche mit Projektleitern begann, outete er sich gleichzeitig gegenüber der Stadt Zürich. Man einigte sich tatsäch­lich auf eine Aufteilung je zu einem Drit­tel Sportanlage, Gastronomie und Tro­ckenbiotop. Inzwischen weiss man, dass alles anders kam.

Eine blühende Linie

Heute profitiert von ihm der Kreis 3 als neuer Wohnort des 56-Jährigen. Und wieder zieht sich eine blühende Linie durch die Berta- und die benachbarten Strassen bis zum Albisriederplatz, später wieder von der Löwenstrasse bis zur Sihlporte.
Unterdessen gesellen sich weitere Kulturpflanzen als Pionierpflanzen dazu, die der heimliche Gärtner aussät. Doch die sozialen Gesellschaften bestimmen sie selber: Ob sie das Wilde Rüebli mit dem markanten schwarzen Punkt in der Blütenmitte als Nachbar haben wollen, ob neben Maria- und die unter Arten­schutz stehende Eselsdiestel, Karden und wilder Mohn, Kümmel und Nelken, wilder Fenchel oder Wegwarte, wilder Chicoree wachsen und blühen sollen.

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Als Unkraut niedergemäht

Dabei sind die Pflanzennachbarschaften weit toleranter als Bezirksgärtner von «Zürich Grün», Anwohner, Landschafts­gestalter und beauftragte Gartenbaube­triebe. «Meist werden sie als Unkraut niedergemäht», muss Maggi feststellen. Nur gegenüber hohen in Blüte stehen­den Malven zeigen sie sich gnädig. «Eine Schulung wäre gut», sagt Maurice Mag­gi. Dafür legen übrigens inzwischen auf Vermittlung von «Zürich Grün» hochka­rätig besetzte Symposien und Veranstal­ter von Fachtagungen und -ausstellungen in Berlin, Dresden, München, Düsseldorf oder der Gartenakademie Münster Wert auf die Meinung des bescheidenen Grossstadt-Guerilleros der ersten Stun­de; in Vorträgen und als Beiträge in Fach­zeitschriften. Und je nachdem, wann Maurice Maggi dort war, beginnen auch hier Malven zu blühen.

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