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Tagesanzeiger

1.7.2004

Blumengraffiti in den Strassen

Die Stadt blüht, und keiner weiss, warum. Jetzt stellt der heim­liche Urheber sein betörendes Werk in einer Ausstellung vor.

Text Sascha Renner
Bild THOMAS BURLA

Florale Anarchie: Geistergärtner Maurice Maggi markiert seine Wege durch die Stadt mit Blumen.

Was blüht denn da? Diese Frage bewegt nicht nur passionierte Rotsocken auf ihren Streifzügen durch Wiesen und Felder. Auch jene Mitmenschen, deren Aktionsra­dius sich strikte auf versiegeltes, inner­städtisches Terrain beschränkt, halten die­ser Tage des Öfteren inne.

Grund der Verzückung: die wildwüch­sige Blumenpracht in Zürichs Strassen. Zum Beispiel in der neuen Überbauung Puls 5: Ungefragt gedeihen hier Kamille und Fingerhut auf einem kargen Schotter­streifen. An der Löwenstrasse besetzen turmhohe Malven die Baumscheiben. Überhaupt scheint jede Ritze im Asphalt­dschungel fest in der Hand der blühenden Pioniere. Holt sich die Natur etwa zurück, was ihr gehört?Immerhin täte sie dies nicht, - wie in Emmerichs cinematografischer Verwüstungsoper - mit einer Kli­makatastrophe, sondern auf die versöhnli­che Art: mit einer bestrickenden Charme­offensive. Hinter der floralen Anarchie steht je­doch keine rachsüchtige Natur, sondern der Zürcher Maurice Maggi. Während zwanzig Jahren wusste so gut wie niemand von seinem Treiben. So lange schon markiert der Geistergärtner seine Wege durch die Stadt mit Blumen. Nicht mit irgendwelchen: Der Küchenchef und international agierende Gartenprofi – er bepflanzte nicht nur Starregisseur Spike Lees privaten Umschwung, sondern auch das World Trade Center im Jahr vor seiner Zerstörung – verwendet ausschliesslich einheimische, bedrohte Pflanzenarten. Warum er dies tut? Maggie: "Ich wuchs in Zeiten auf, in denen noch Tafeln mit <Betreten verboten> die Rasenflächen in der Stadt markierten. Meine Aktionen hatten für mich etwas Subversives."

Auf die anfänglichen Malvenspuren folgten später grossflächige Renaturierungsprojekte. Etwa am Oberen Letten: Als die Bahngeleise 1990 stillgelegt wur­den, brachte der Ökoaktivist heimlich Sa­men von Wildpflanzen aus. Diese schossen derart imposant ins Kraut, dass die Stadt den Streifen an der Limmat unter Naturschutz stellte - in der Überzeugung, einer spontanen botanischen Reconquista des Areals beizuwohnen.

Botanische Schnitzeljagd

Besonders augenfällig ist der starke künstlerische Gestaltungswille in Maggis Ansaaten. Sein jüngster Streich sind die so genannten Wellenbilder - nach Farbe und Höhe geordnete Bepflanzungen, die er in geometrischen Mustern entlang dem Schienenstrang in Richtung Altstetten an­gelegt hat. "Bilder" oder "Graffiti" nennt Maggi seine Eingriffe - und deklariert sie damit als genuin künstlerische Statements. Folgerichtig outet sich der Blumenanarchist nun auch in einem Kunstraum. Im Message Salon breitet er anhand von Foto­grafien und Planungsskizzen sein Schaffen aus - und lädt mit Stadtplänen zu einer botanischen Schnitzeljagd durch Zürichs blühende Subkultur.

Message Salon

Universitätstrasse 117

bis 10. Juli.

Vernissage morgen Freitag 19-24 Uhr.

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